Zum Fall ‚Carlos‘


Ueli Simmel
Der Fall ‚Carlos‘, das Tötungsdelikt in Genf, immer wieder Fälle von schwerer Körperverletzung im öffentlichen Raum…

Plädoyer für eine umfassende, systematische Analyse der Lebenssituation als Ausgangspunkt von professionell geplanten Entwicklungen von Individuen

Der Fall ‚Carlos‘, das Tötungsdelikt in Genf, immer wieder Fälle von schwerer Körperverletzung im öffentlichen Raum durch gewaltbereite Jugendliche – Extrembeispiele, die je für kurze Zeit die öffentliche und politische Debatte hochkochen lassen, angefeuert von – üblicherweise – verkürzter medialer Berichterstattung, und die politisch Verantwortlichen zu meist vorschnellen, manchmal rein populistischen und eher selten wirklich durchdachten Reaktionen verleiten. Aktionismus hat Konjunktur.

In vielen dieser ‚Fälle‘ – jeder für sich zweifellos ein menschliches Drama – stehen die Täter (ja, es sind grossmehrheitlich Männer, die zu Gewalttätigkeit regredieren) im Kontakt mit professionell Verantwortlichen. Diese haben – selten allein, meist im Verbund mit mehreren Personen – u.a. über Massnahmen zu entscheiden, die letztlich das Verhalten dieser Täter so verändern sollen, damit diese sich in der Gesellschaft so bewegen, dass sie dieser weder zur (ökonomischen) Last fallen noch – und wichtiger – für die Mitglieder dieser Gesellschaft zur Gefahr werden.
Auf was stützen sich die Entscheidungs-Verantwortlichen? Nüchterne, sach- und fachlogische Expertise mit Hilfe validierter Assessment-Intrumente? In Zeiten „schäumenden Volkszorns“ wohl kaum. Wer würde derzeit auch nur beim geringsten persönlichen Zweifel an der Eindeutigkeit eines solchen Assessments „in dubio pro reo“ argumentieren?
Die Zukunft lässt sich nun mal nur in Wahrscheinlichkeiten voraussagen, auch mit den best-beforschten Prädiktorvariablen nicht. Leben spielt sich eben nicht unter Laborbedingungen ab, 100%ige Prognosesicherheit ist nicht zu haben.

Eine der zahlreichen Schwierigkeiten darf darin vermutet werden, dass die meisten verwendeten Diagnostika hochspezifisch angelegt sind. Sie sind zwar durchaus in der Lage, die momentane Situation einer Person in einem ganz spezifischen Ausschnitt darzustellen. Was das aber im Hinblick auf zu ergreifende Interventionen (erzieherischer, therapeutischer, pädagogischer, sozialarbeiterischer, seelsorgerischer – und ja: auch sichernder und kontrollierender oder sonstiger Art heisst, diese Antwort wird den EntscheidungsträgerInnen überlassen. Da steht dann plötzlich wieder „Erfahrung“ hoch im Kurs (in diesem Zusammenhang kaum vernünftig operationalisierbar und also nicht mehr valide und reliabel…).
Stellen wir versuchshalber die Frage einmal ganz konkret: War die Entscheidung für eine Reittherapie im Genfer Fall „richtig“ oder „falsch“?
Die Frage ist so gestellt schlicht nicht beantwortbar. Wir können rückblickend beurteilen, dass die Geschichte der professionellen Bindung zweier Personen ein fatales und höchst bedauerliches Ende genommen hat. Und wir können behaupten, dass die gewählte therapeutische Intervention (war es die einzige?) in diesem konkreten Fall nicht zielführend war.

Aber: Was bitte waren nochmal die Ziele der Reittherapie? Was waren die Überlegungen der Entscheidverantwortlichen, auf diese – vermutlich nicht alleinige – Intervention zu setzen? Und wie sind sie zu diesen Überlegungen gekommen? Was haben sie sich von genau diesem Ansatz – Reittherapie – versprochen? Und wer hat wie die Zielerreichung – oder Nicht-Erreichung – überprüft und ggf. neue Schlüsse daraus gezogen – und folglich neue, korrigierte Interventionsziele gesetzt?
Nur Verfahren, die in Bezug auf diesen Zyklus systematische Fallbeurteilungen und -steuerungen vorgeben, können diese schwierigen Entscheide erleichtern.

So gesehen, dürften die zum Einsatz kommenden Spezialdiagnostika mehr Nutzen bringen, wenn sie grundsätzlich in eine umfassende und professionelle Sozialanamnese eingebunden sind.