Weniger Leistungsdruck am Arbeitsplatz – SBB gehen mit gutem Beispiel voran


Ueli Simmel

Die Bilanzmedienkonferenz der SBB von letzter Woche hat erstaunlich wenig Echo in Öffentlichkeit und Medien ausgelöst. Dabei hat die SBB in gewisser Weise eine neue Ära in der Personalqualifikation eingeleitet. Aber dazu gleich mehr.

Weniger Leistungsdruck am Arbeitsplatz – SBB gehen mit gutem Beispiel voran

 

Zunächst die persönliche Frage an Sie: Wie werden Sie wohl von Ihrer/Ihrem Vorgesetzten beurteilt, wenn Sie die Zielvorgaben zu 80% erreichen? Genau… Sie erhalten massiv mehr Lohn, so zwischen 30 und 35 Prozent mehr. Oder zumindest einen Bonus in dieser Höhe.

So wie bei den SBB. Dafür, dass SBB CEO Andreas Meyer – mit einem Grundgehalt von rund 1 Mio Franken ohnehin der Topverdiener bei den Staats-CEOs – die gesetzten Ziele zu 80% erreicht hat, bekommt er die höchste ihm je bezahlte Bonuszahlung von zusätzlich über 300’000 Franken (s.u.a. BernerZeitung vom 26.3.2015). Überhaupt erhöht sich das oberste SBB-Kader seine Entschädigungen – um satte 16%. Nein, kein Schreib- oder Kommafehler: sechzehn – nicht einskommasechs… So hatten sich die StimmbürgerInnen die Wirkung der klar angenommenen Abzockerinitiative vermutlich kaum vorgestellt. A propos Ent-Schädigung: welche Schäden – ausser denjenigen an den Gleisen (hier fehlen den SBB nach eigenen Angaben rund 700 Mio für den Unterhalt) – hatten die Mitglieder von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung doch gleich wieder?

Es ist wohlgemerkt dieselbe SBB-Geschäftsleitung, die in ihrer Lohnpolitik nur noch auf individuelle Gehaltserhöhungen setzt und z.B. generelle Leistungshonorierungen streicht. Zum Vergleich: für 2014 hatten die SBB für individuell höhere Löhne 0,9% der Lohnsumme bereitgestellt. Zeitgleich setzte es für viele Angestellte im privaten wie öffentlichen Sektor überhaupt Nullrunden ab. Oder Sie müssen gleich um ihre Stellen bangen: bei der SBB z.B will man die Hälfte der Schalter schliessen.

Die Reaktion der Eisenbahnergewerkschaft SEV mutet überraschend mild an: „Aus gewerkschaftlicher Sicht fällt auf, dass das Personal einmal mehr nur als Rechnungsgrösse vorkommt. Nach wie vor erreichen den SEV andauernd Klagen über mangelnde Wertschätzung. Häufig wird mit Personalanliegen äusserst kleinlich umgegangen, und aus der Personalbetreuung ist ein Personal-Management geworden.“ Und weiter „… Angesichts des Klagens über die Wirtschaftslage und die Kostenentwicklung wäre es allerdings angebracht, dass die oberste Spitze des Unternehmens ein Zeichen der Selbstbeschränkung setzt. «Die Führung sollte hier ihre Vorbildwirkung wahrnehmen», hält Avallone (Vizepräsident SEV) fest“ (Medienmitteilung SEV vom 26.3.2015).

Und der SBB-CEO doppelt in einem Interview zu Tariferhöhungen und (über-)vollen Zügen gleich nach und empfiehlt seinen (in seinen Augen übersensiblen) KundInnen, doch einfach zu Nebenzeiten zu reisen – dann seien die Züge nicht so voll und die Tarife müssten nicht erhöht werden (NZZ am Sonntag vom 29.3.2015). Wahnsinns-Logik – oder vielleicht einfach nur zynisch: die KundInnen haben sich gefälligst nach dem Angebot zu richten. Und das Pendeln zu Nebenzeiten sollen übrigens bitteschön die anderen Arbeitgeber mit flexiblen Arbeitszeitmodellen ermöglichen. Für eine derart dreiste Kommunikation müsste Meyer eigentlich gleich nochmal einen Bonus kriegen.

Für die nächste Bilanzpressekonferenz ist in Sachen Boni-Zahlung also bereits gesorgt. Man muss kein Prophet sein um zu ahnen, dass sich Verwaltungsrat und Geschäftsleitung auch nächstes Jahr für erfolgreich durchgeführte Kostensenkungsprogramme mit weiter steigenden „Entschädigungen“ belohnen werden.
Auch wenn sie nur zu 80% erfolgreich sind…

Die Anmahnung von Avallone, dass sich dieses Kader auf seine Vorbildfunktion besinnen sollte, scheint dort jedenfalls noch nicht angekommen zu sein. Der Geld-Gier scheint auch hier nur eine Remedur Einhalt gebieten zu können: wie in anderen Staaten eine klar festgesetzte, angemessene Lohnobergrenze für Staatsbetriebe, eventuelle Boni inklusive.
Die Shareholder, also die SteuerzahlerInnen-StimmbürgerInnen haben es in der Hand, hier regulierend einzugreifen.

Aber halt: Die 1:12-Initiative wurde ja bereits deutlich verworfen – vermutlich von Leuten, die glauben, dass auch sie bei einer Zielerreichung von 80% eine Lohnerhöhung von 35% erhalten.


ps.
Das an der Bilanzmedienkonferenz präsentierte, im Vergleich zum Vorjahr verbesserte finanzielle Ergebnis ist im Wesentlichen dem Verkauf des Tafelsilbers sprich der ehemaligen Hauptsitze – Immobilien an bester Lage – zu verdanken.

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