Stagnation


Peter Burkhard


Was Politiker*innen nicht alles tun und sagen, nur um im Gespräch zu bleiben, für einen kurzen Augenblick im Mittelpunkt stehen. Natürlich haben sie sich daran gewöhnt, immer wieder einmal von einem Journalisten, einer Journalistin befragt zu werden. Aber jetzt in der Corona-Krise sind zuerst einmal die Wissenschaftler*innen gefragt, die sich mit dem Virus seit der 1. Stunde intensiv beschäftigen. Das führt nun bei einzelnen Politiker*innen zu Entzugserscheinungen. Niemand will etwas von ihnen wissen, keine Fragen und kein offenes Mikrophon! Da muss man sich schon was ziemlich Einfältiges einfallen lassen um aufzufallen.

Zugegeben, als Bundesrat Maurer verkündete, er liesse sich nur einmal impfen, dachte ich ganz spontan: der macht wieder einmal den Ueli, hat einfach keine Lust. Da habe ich mich aber sowas von geirrt. Schon einige Tage früher führten der alte Millionär und seine Tochter den neuen Ton in die Diskussion ein – Diktatur! Berset will Corona nutzen, um eine Diktatur zu errichten. Parmelin reagierte auf eine entsprechende Frage belustigt, worauf die „Jungs“ aus der Partei in ihm folgerichtig nur noch einen halben richtigen Bundesrat sehen. Auf diesem Niveau ging es weiter, die redeten und schrieben nicht nur dummes Zeug, sondern behaupten auch noch jede Menge Unsinn. Da bleibt nur noch der Ratschlag, unverzüglich eine ganz, ganz – wirklich ganz lange – Weltreise anzutreten. Alleine, Corona steht dieser Wohltat entgegen und so blieben uns diese Politiker*innen erhalten. Die wollten doch tatsächlich erreichen, dass die Wissenschaftler*innen ihre Erkenntnisse nicht mehr selbstständig der Bevölkerung mitteilen dürfen. Das müssen Politiker*innen sein wie dieser Fraktionschef, der weiss viel über Steuerschlupflöcher und wie man Geld am Fiskus vorbei manövriert, aber von und über die Coronapandemie weiss er nichts, nichts, aber sowas von nichts. Sobald er allerdings ein offenes Mikrophon erspäht, erklärt er der Nation wie man es eigentlich richtig machen müsste. Ein weiterer Tiefpunkt sind sicher die diversen Aufrufe zur Gewaltanwendung gegenüber einzelner Bundesrät*innen. Dass ein Nationalrat eine entsprechende Seite im Internet administriert ist zwar widerwärtig, aber wie gesagt er wurde wieder einmal in den Medien erwähnt.

Manchmal frage ich mich, ob diese Politiker*innen Logorrhoe haben. Und da Corona morgen noch nicht Geschichte ist, bleibt zu befürchten, dass wegen diesem Sprechdurchfall noch einiges abgesondert und uns zugemutet wird.
Eigene Beobachtungen weisen allerdings noch in eine weitere Richtung. Vom Sprechdurchfall betroffen sind praktisch ausschliesslich Politiker*innen mit einem Stagnationshintergrund. Sie reden und reden um sich nicht bewegen zu müssen. „Jetzt schnell impfen, sukzessive Öffnungen und in 2 – 3 Monaten zur altbekannten Normalität zurückkehren“. Weder schön noch gut, es funktioniert nicht. Weil a) Corona uns noch einige Jahre beschäftigen wird und b) unter den alten Bedingungen Corona erst ermöglicht wurde.

Unsere Einsicht vorausgesetzt, gäbe es gute Gründe, warum wir nicht weitermachen sollten wie bisher. Wie heisst es so treffend: „Was gestern noch Meilensteine auf dem Wege der Entwicklung, sind heute nur noch Grabsteine auf dem Felde menschlichen Wollens!“


Der Beitrag wurde für den Affolter Anzeiger, Rubrik „Randnotizen“ geschrieben und dort veröffentlicht


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